Brückenbauen

29. September 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Diese Gedanken wurden verfasst für Dr. Michael Diener, den Vorsitzenden des midi-Kuratoriums, zu seinem Abschied aus dem Amt als Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, mit Dank für sein kompetentes Brückenbauen.

In Zeiten globaler Verwirrung und Kollisionen wird man dankbar für alle Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, die Gegensätze ausbalancieren und Kompromisse ermöglichen. Sie verstehen die hohe Kunst, Brücken zu bauen.

Auch in Kirche und Reich Gottes sind Brückenbauerinnen und -bauer (lat: Pontifex) Schlüsselfiguren. Sie vernetzen und bringen Menschen zusammen um eines größeren Ganzen willen.

Viele biblische Personen haben Brücken gebaut

Noah

zimmerte eine Rettungs-Arche, damit die Menschheit eine Zukunft behält.

Mose

fand einen Weg durch Wüsten, Widerstände und Warten, um in ein verheißenes Land zu kommen.

Miriam

schuf ein Lied, um eine unglaubliche Gotteserfahrung aussagbar zu machen (Ex 15).

Deborah

stellte anstelle versagender Männer eine Verteidigungslinie auf (Ri 4).

Ruth

wurde als Fremde Teil des Stammbaumes der Davidslinie.

Nathan

war Brückenbauer zwischen König und Verheißung, baute aber auch einen Vergebungsweg zwischen der Sünde des Mächtigen und dem Recht des Schwachen (2. Sam 7 und 12).

Jeremia

ermöglichte Brücken zwischen den frustrierten Exilierten und ihrem ungeliebten neuen Kontext in Babylon (Jer 29).

Esther

öffnete vor dem Herrscher eine Zukunft für Todgeweihte.

Johannes der Täufer

war Brückenbauer: Er kündigte Jesus an, verwies seine Anhänger an ihn und konnte zurücktreten (Joh 1). Er fragte Jesus aus dem Gefängnis seiner Zweifel nach ausstehenden messianischen Erfüllungen, Jesus hielt ihn für das prophetische Scharnier zwischen Israels Bund und dem Reich Gottes (Mt 11).

Maria

war eine Brückenbauerin: Sie stellte sich zur Verfügung, damit Gott auf Erden ankommen konnte (Lk 1).

Josef

war ebenfalls einer: Er stand in einer höchst mehrdeutigen Situation zu seiner Frau (Mt 1).

Barnabas

schaffte es, Saulus in die Jerusalemer Gemeinde zu integrieren, die ihn nur als Verfolger kannte (Apg 9).

Es gibt viele Brückenbauer in der Bibel. Sie haben verschiedene Berufungen, unterschiedliche Persönlichkeiten, aber einen ähnlichen Charakter: Sie wirken durch Hingabe. Es geht ihnen um Gottes Sache, nicht um sich selber.

Was kennzeichnet Brückenbauerinnen und -bauer?

Sie kombinieren meist einige dieser Charaktereigenschaften:

  • uneitel (pontifex invisibilis)

Sie bleiben gerne unsichtbar, müssen nicht gesehen werden, arbeiten unauffällig im Hintergrund und können für Erfolg zurücktreten.

  • demütig (pontifex humilis)

Ihre Ehre ist ihnen nicht so wichtig, sie können anderen den Vortritt lassen. Mose war die Zentralfigur des Exodus, hielt es aus, von ihm Nahestehenden mit Misstrauen überzogen zu werden. Er wurde als höchst demütig bezeichnet (Num 12).

  • beziehungsfähig (pontifex relationis)

Sie wollen gelingende Beziehungen zwischen Fremden aufbauen. Sie sind große Vernetzer, bringen solche zusammen, die ohne sie nie gemeinsam arbeiten und ohne ihr Charisma oft nicht zusammenbleiben würden.

  • vertrauensvoll (pontifex confidens)

Sie investieren in Menschen, so dass diese sich öffnen. Sie erwerben Vertrauen, weil sie Vertrauen geben können.

  • zielorientiert (pontifex proponens)

Sie haben klare Ziele, wollen auf langen Strecken das Mögliche erreichen. Sie sind mit „So ist es eben“ unzufrieden, aber sie kennen auch ihre Grenzen. Sie wissen schnell, wo es zeitweise keinen Sinn hat zu bohren und verkämpfen sich nicht im Kleinen.

  • kontaktfreudig (pontifex accedens)

Sie gehen auf Andere und Anderes zu: Sie sind neugierig und offen. Sie können um der Sache willen über Mauern springen, Vorurteile aufgeben, Neues annehmen.

  • großzügig (pontifex generosus)

Sie können von sich geben und schenken. Oft schaffen sie Vernetzungen durch Feste, Feiern und Einladungen. Sie rechnen nicht, ob es sich für sie lohnt – ihr Gewinn ist das Gelingen der Sache.

  • entschlussfreudig (pontifex occasionis)

Sie ergreifen Gelegenheiten beim Schopf, erfassen den Kairos. Sie zögern nicht zur falschen Zeit, haben ein waches Erkennen (eine Art Kairologie) verinnerlicht.

  • geduldig (pontifex patiens)

Ihre Kraft wächst durch ihre Geduld. Sie halten es aus zu scheitern, ohne daran zu zerbrechen. Sie können mit Widerspruch so umgehen, dass sie Person und Sache scheiden.

  • glaubensstark (pontifex credens)

Sie glauben mit ganzem Herzen an den einen Herrn, der uns überhaupt erst dazu fähig macht, Brücken zu erfinden, deren Bau umzusetzen und sie dann auch zu betreten. Ihr Glaube kann Berge versetzen, weil sie ihrem Herrn alles zutrauen.

  • betend (pontifex orans)

Es kommt ihnen nicht in den Sinn, etwas ohne Gebet zu beginnen oder voranzureiben. Sie erbitten sich von Gott die Menschen, die sie brauchen, sie verlocken andere zum Gebet, leben im ständigen Kontakt mit Gott.

Brückenbauer sind keine Helden

Nein, Brückenbauer sind keine Helden, allesamt haben sie Schwächen, Fehler und Macken. Mose war ein Totschläger, war oft unwillig oder resigniert. Miriam wurde neidisch auf Mose. Saulus und Barnabas zerstritten sich wegen einer Personalentscheidung usw.

Man findet nur einige, nie sämtliche dieser Charakterzüge in einer Person. Oft genug blockieren sie manches selber.

Es gibt ungeduldige Brückenbauer, die einreißen, was sie gerade aufgebaut haben. Andere haben eine mitreißende Vision, bleiben aber als Person unzugänglich und kühl. Manche sind große Vernetzer, aber schwach in Zielorientierung.

Zum Glück haben sie alle ihre Schwächen, denn sonst würden viele andere durch Vergleiche entmutigt. Gott schenkt seine Gaben offensichtlich nur brutto, inkl. Einschränkungen. Brückenbauerinnen und -bauer Jesu sind keine Halbgötter, sondern in allen Schwächen und Defiziten Dienerinnen und Diener Christi. Aber wo einige dieser Kennzeichen zusammenkommen, spricht viel für das Charisma des Brückenbauens.

Und eines eint sie alle: sie haben ihre Mitte in Gott. Sie sind fest verankert in Kreuz und Auferweckung, weil ihnen ihr Herr als Knecht (pontifex serviens) durch Hingabe dient und ihnen der Knecht als Herr (pontifex regnans) die Brücke zum Schöpfer und Vater gebaut hat. Sie gehören zu dem pontifex maximus.

Brückenbauerinnen und -bauer stehen mit einem Fuß in der Ewigkeit und mit dem anderen in der Gegenwart.