Advent. Wo bleibst du?

9. Dezember 2019 | Kerstin Offermann | midi

Sehnsüchtig erwartet – ungeduldig, vielleicht schon ein wenig ärgerlich. „Wo bleibst du bloß?“ Ich steige in mein Auto, stecke den Schlüssel ins Schloss, will losfahren, da kommt jemand auf mein Auto zugelaufen und will mich dringend etwas fragen.

Ich steige aus. Werfe die Autotür hinter mir zu und höre mit Entsetzen, wie mein eigenwilliges Auto von selbst die Türen verriegelt, während mein Schlüssel innen steckt. Entsetzt bin ich, weil ich nicht etwa zuhause bin, sondern 200 km weit weg und weil Advent ist, klirrend kalt, Freitagabend, dunkel und nass.

Ich rufe den ADAC. Und warte, in der Kälte. Sehnsüchtig, ungeduldig. Nach einer halben Stunde kommt mein Retter. Nur leider bekommt er mein Auto trotz aller ihm zur Verfügung stehenden Raffinessen nicht auf. Statt eine Scheibe einzuschlagen, rufe ich meinen Mann an, damit er mit dem zweiten Autoschlüssel kommt und mich rettet. Ich warte weitere zwei Stunden.

Geduldig, ungeduldig, sehnsüchtig. Wo bleibst du?

Auf einen Retter zu warten, bedeutet, sich eingestanden zu haben, es alleine nicht zu schaffen, Hilfe zu brauchen. Es kann unerträglich werden, wenn dann die Hilfe nicht kommt, vielleicht weil man sich missverstanden hat, vielleicht weil der Retter im Stau steht, die Rettungsgasse nicht gebildet worden ist, kein Personal da war, der Andere nicht richtig zugehört hat. Dann wird aus der Frage ein Vorwurf oder ein Verzweiflungsschrei: Wo bleibst du?!!!

„Wo bleibst du?“ ist eine adventliche Frage.

Sie findet sich wörtlich in einem alten Kirchenlied zum Advent. In „O Heiland reiß die Himmel auf!“ heißt es in der vierten Strophe: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, worauf sie all ihr Hoffnung stellt?“ Das Lied stammt von Friedrich Spee aus dem Jahr 1622. Seitdem wird es von Christinnen und Christen gesungen, Jahr für Jahr: „Wo bleibst du?“

Der, auf den hier gewartet wird, hat in jenem Lied viele Namen: Trost heißt er und Hoffnung. Aber auch Heiland, König, Gott, klare Sonn, schöner Stern, Erlöser. Der Liedtext bezieht sich auf biblische, zum guten Teil auf alttestamentlichen Traditionen.

Erwartet wird Rettung

Die Erwartungen, die sich dort finden, haben alle etwas mit Rettung zu tun, mit Rettung durch einen König, durch einen Mächtigen, mit Erlösung aus irdischen Konflikten, aus trostlosem Unrecht. Sie sind natürlich noch wesentlich älter, als dieses Lied.

Seit gut 2000 Jahren rufen Christinnen und Christen im Advent: „Wo bleibst du?“ und haben sich damit einem Ruf angeschlossen, der noch älter ist und der sich bereits durch die prophetischen und apokalyptischen Traditionen des Alten Testaments zieht, der in Jesaja und Sacharja und Daniel widerhallt.

Es ist schon beeindruckend, dass eine Erwartung so lange wachgehalten wird, aber es ist auch beklemmend, wenn es so lange keine Antwort auf den Ruf „Wo bleibst du?“ gibt. Daraus ergeben sich doch ein paar dringende Fragen:

Wie viel Sinn macht es noch, zu warten?

Hat nicht das Ausbleiben der Erfüllung gezeigt, dass die Hoffnung vergeblich war? Ist es vielleicht eine falsche Erwartung, auf Rettung von außerhalb unserer Welt zu hoffen oder gar zu warten? Das könnte ja wohl fatal sein in Zeiten des Klimawandels. Kann man in diese Hoffnung überhaupt noch einstimmen? Sie erwartet Gott als König, als Herrscher, als Herr. So von Gott zu reden und zu denken fällt uns mit guten Gründen nicht leicht.

Wünschen wir uns etwa tatsächlich einen Monarchen?

Doch wohl eher nicht. Und wie sollen wir uns das vorstellen, dass Gott in die profane Geschichte eingreift? Das ist doch ein sehr gefährlicher Gedanke mit schwierigen Fallstricken. Herrscher, die sich von Gott gesandt fühlen, enden unserer Erfahrung nach schnell in Totalitarismus und Blutbad! Wir sind heilfroh, dass bei uns geistliche Dinge und weltliche Macht getrennt sind. Die biblische und kirchengeschichtliche Erwartung eines Königs geht einher mit dem Gedanken, dass Gott Herr der Welt ist und die Welt richten wird. Auch das ist ein klassischer Adventsgedanke und zugleich einer, der uns sehr fremd ist.

Der Weihnachtsgott aus der Rumpelkammer

Diese Bilder, diese Erwartungen, diese Bezeichnungen für Gott und die damit verbundenen Gedankengebäude stehen sozusagen in unserer Abstellkammer, in der für viele unserer Mitmenschen auch der Glaube und Gott selbst stehen.

Sie sind noch nicht ganz weg, aber sie warten, ob sie nochmal gebraucht werden.

Auch darin sind sie adventlich!

Alle Jahre wieder werden sie für Kirchen und Fußgängerzonen aus den Kisten mit dem Weihnachtsschmuck hervorgekramt, aus dem Keller ins Wohnzimmer, aus der Abstellkammer in die Fußgängerzone. Aber das ganze Jahr über sind sie eingemottet und gut weggesperrt. Stelle man sich einmal vor, dieser Weihnachtsgott würde versuchen aus der Kiste heraus Kontakt aufnehmen zu wollen.

Wenn man sich die Texte aus Jesaja anschaut, die Vorbild unserer Adventshoffnung sind, dann gibt es in diesen Texten außer der heißen Erwartung und frohen Verheißung von Rettung auch noch einen ganz anderen Gedanken. Gott fragt nämlich zurück. Jesaja 50,2:

Warum kam ich und niemand war da? Warum rief ich und niemand antwortete?

Scheinbar gibt es hier ein Kommunikationsproblem. Mensch und Gott reden und erwarten aneinander vorbei. Das ist nichts Außergewöhnliches. Wenn man die biblischen Erzählungen daraufhin befragt, scheint es sogar der Normalfall zu sein, dass Gott und Welt einander nicht verstehen.

Ganz ehrlich: Ich begreife es nicht.

Weihnachten ist die Bemühung Gottes, die Kommunikationsstörung aufzuheben. In der Krippe liegt der König. Das ohnmächtigste Geschöpf dieser Welt bringt himmlische Heerscharen zum Singen. Unser Verstand wird an die Krippe gerufen, um zu staunen und anzubeten, aber nicht um zu kapitulieren, sondern um ehrlich zu sagen: Ich begreife es nicht, aber ich denke dem nach, um der Wahrheit über dieses Leben und über die Hoffnung für uns auf die Spur zu kommen.

Ist es denkbar, dass Gott Herr der Welt sein kann, ohne übergriffig zu werden? Kann Gericht Befreiung und Gerechtigkeit bedeuten? Kann Gott König sein, ohne uns außen vor zu lassen? Kann beides zusammenkommen: in Ohnmacht herrschen, in Schwäche retten.

Ach. Schweigt!

Bach setzt in seinem Weihnachtsoratorium dem seufzenden: „Ach! – Wann wird die Zeit erscheinen? Ach, wann kömmt der Trost der Seinen?“ ein gebietendes „Schweigt! Er ist schon wirklich hier!“ entgegen. Also dieser ohnmächtige Säugling der Retter der Welt? Das fordert unseren Verstand und unsere Seele heraus!

Ja, es ist schwer auszuhalten, dass Jesus Christus Herr der Welt sein soll und gleichzeitig so ohnmächtig und schwach. Es ist schwer auszuhalten, dass Jesus Christus der Retter der Welt sein soll und gleichzeitig so fern unserer Erfahrung. Es ist schwer auszuhalten, dass unser adventliches Singen dringend nach dem „Trost der ganzen Welt“ ruft und zugleich so viel Trostlosigkeit in uns und um uns herum ist.

Es ist eine Herausforderung zu denken, dass gerade die unbedingte Liebe Gottes die Logik dieser Welt richtet und den Hass dieser Welt entmachtet, gerade weil sie am Hass gescheitert ist.

Billiger wird's nicht

Wer aber Advent und Weihnachten, Gott und Glauben nicht in der Rumpelkammer abstellen will, bekommt es nicht billiger. Es braucht die echte Bereitschaft, alles, was man bisher gedacht hat, von Gott und der Bibel her immer wieder in Frage stellen zu lassen. Gott zu verstehen, zu entdecken, geht nur, wenn man der Logik Gottes nachdenkt, auf ein Deutemuster zurückgreifen kann, das Gottes Gegenwart durchbuchstabiert. Das ist nicht selbstverständlich –

das ist skurril und anders und fremd.

Könnte es sein, dass uns die beiden Wirklichkeiten entsprechenden Deutekategorien und das Narrativ vom Reich Gottes verloren gegangen sind? Möglicherweise sollten wir uns eingestehen, dass es auch daran liegen könnte, dass Menschen so wenig Gotteserfahrungen machen und den Weihnachtsgott bloß im Advent aus dem Keller hervorholen.

Dann bräuchten wir den Mut, uns die Bruchstücke des eigenen Lebens und Denkens und Glaubens neu zusammenpuzzeln zu lassen, damit in dem Mosaik, das dann entsteht, in den fragmentarischen Bildern, die dann möglich sind, etwas von Gottes Wahrheit in unsere Wirklichkeit hindurchscheint. Damit Kommunikation zwischen uns und Gott möglich wird.

Denn es stimmt ja wohl beides: „Er ist schon wirklich hier!“ und „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ Beides zusammen bedeutet Advent.